9.10.2012
Das Tal der Griechen

Das Wort Krise stammt aus dem Griechischen und heisst soviel wie trennen oder auch unterscheiden.
Laut Duden bezeichnet eine Krise eine schwierige Situation die den Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt.
Eine anhaltende Krise entwickelt sich zuerst zu einer Depression, Lateinisch für Niederdrücken und endet, wenn sie eben nicht endet in einer Katastrophe.

Was ist das Ziel unserer Reise, was ist mein Ziel dieser Reise und was sind die Erwartungen, mit denen ich nach Griechenland und auch an das Interview mit Point Blank ging.
Wie stark hat diese Erwartung das Erlebte beeinflusst?
Ich wusste, bevor ich nach Griechenland gekommen bin nur sehr wenig über die Situation vor Ort.
Tägliche Meldungen aus Zeitung und Fernsehen zeichneten ein ungenaues Bild.
Wirtschaftskriese, Staatsbankrot, Finanzspritzen und der Zerfall der Europäischen Union. Eine Depression, ein Gewinnspiel, das Ende der Wirtschaft? Wer ist wohl Schuld ist an der Misere?

Der Fokus, mit dem wir die Projekte auswählten, die wir während dieser Studienreise besuchen und porträtieren wollten, hatten einen starken Einfluss auf das, was ich schlussendlich vorgefunden habe. Mit Point Blank, Artbox und Les Hyper Hypers habe ich drei funktionierende Gruppen gefunden.
Gemeinschaften im Sinne von selbst organisierten Gruppen haben gegenüber Gemeinschaften, die sich nicht organisieren können einen entscheidenden Vorteil und ein dementsprechend privilegierten Status. Ich habe das Gefühl gekriegt, dass es zur Zeit in Griechenland wohl eher weniger als mehr dieser Gruppen geben wird. Die Auswirkungen der Krise sind noch nicht absehbar, da die Krise erst am Anfang steht. Das schlimmste steht noch bevor. In diesem Stadium der Krise geht wohl mehr kaputt, als dass Neues entsteht. Das kreative Moment, dass ich geglaubt habe in Griechenland vor zu finden wird vielleicht erst dann entstehen, wenn die Krise an ihrem Tiefpunkt angekommen ist. Bis es soweit ist, wird das kreative Vakuum wohl noch andauern.

Point Blank, ein Kollektiv aus Grafikern und Webdesignern, haben sich vor rund 10 Jahren gegründet und sind mittlerweile ein solides Unternehmen. Sie schreiben schwarze Zahlen und konnten von anfänglich  3 zu mittlerweile 7 Mitgliedern expandieren.
Im Interview mit Ihnen haben wir uns über Selbstorganisation, die Krise, das Internet und Werte des Zusammenarbeitens unterhalten. Wir haben weitgehend das vorgefunden, was wir gesucht haben. Bei der Aufarbeitung des gesammelten Materials ist mir einiges aufgefallen, was ich vor lauter Erwartung vorerst übersehen hatte.

Ihr Modell des Kollektives hat sich in der Krise bewährt, wurde aber nicht als Reaktion auf diese gegründet.  Der Anlass, einen anderen Weg ein zu schlagen, als dass er von der Wirtschaft vorgelebt wurde, war die Unzufriedenheit mit den hierarchischen Beziehungen unter den Mitarbeitern, mit Organisationsformen, die Ihre Effizienz auf Kosten der Verantwortung und der Freiheiten der Mitarbeiter  steigern.

Anlass war auch der Wunsch aus einem Markt aus zu brechen, der den Wettkampf fördert und so die Inspiration und die Kreativität einschränkt.
Ihre Gründung, also der Versuch, eine Alternative zu den oben genannten Modellen zu bieten, wurde  damals von ihrem Umfeld belächelt.

Durch die Krise erlebten sie wieder aller Prognosen eine Zunahme von Aufträgen.  Das liegt zum Einen daran, dass das Internet in Griechenland allgemein an Einfluss gewann, andererseits aber auch daran, dass die Webdesignszene in Griechenland dem Rest der westlichen Welt lange zeit hinterher hinkte und erst jetzt einen Aufschwung erlebt. Point Blank ist heute ganz vorne mit dabei. Das Einzugsgebiet ihrer Kunden überschreitet die Landesgrenzen.

Aufträge aus Wirtschaftszweigen, die sie nicht unterstützen wollen, lehnen sie ab. Sie arbeiten nicht für das Finanzwesen und auch nicht für das Militär.
Die politische Haltung von Point Blank basiert auf einem ungeschriebenen Manifest. Entscheide werden im Konsens gefällt. Die Räume, das Equipment und der Gewinn wird zu gleichen Teilen geteilt.

Ein Modell, wie ich es gesucht habe. Ein Modell das meinen Vorstellungen entspricht, wie ich mich in meiner Kariere zu organisieren gedenken. Ein Modell, das behaupte ich, das nicht aus einer Krise entstehet, sich aber durchaus auch in Krisen bewähren kann.

 

Alternativen zum kapitalistischen, hierarchischen System erleben jetzt, da eben dieses System zu zerfallen beginnt ein Hoch. Es ist etgegen dem verbreiteten Wunsch, dass die Krise selbst diese Alternativen hervorbringt, wohl doch eher dem Erfolg des freien Marktes und dem damit eintretenden Wohlstand zu verdanken, dass sich solche Alternativen entwickeln konnten. Kann sich der Kapitalismus wandeln und verbessern?

Obwohl das angetroffene Kollektiv in seiner Organisationsform nichts Neues darstellt und in seiner Form auch in der Schweiz anzutreffen ist, war es schön zu sehen, dass sich diese genossenschaftliche Form, die vor zehn Jahren noch  als  unifiziert taxiert und als naiven Wiederstand belächelt wurde zu einer, im Markt etablierten und in der Krise sogar bewährten  Unternehmensform bewiesen hat.
Es haben sich die Qualitäten und Werte bewährt, die in einer solchen Organisationsform stärker gelebt werden als in gewöhnlichen Firmen.

Jeder ist an den Entscheidungen so weit wie möglich beteiligt.
Dieser Umstand zollt jedem Mitarbeiter Respekt und gibt ihm die nötige Verantwortung, die es ausmacht ob man in seine eigene Tasche wirtschaftet oder sich sich für das Gemeinwohl einsetzt.
Ich habe es bereits angesprochen, dass ich erst beim Aufarbeiten des Interviewmaterials gemerkt habe, dass Point Blank sich in einem Punkt sehr stark von vielen, mir bekannten Kollektiven unterscheidet.
Sie haben sich schrittweise zu einem Kollektiv entwickelt und sie haben trotz wirtschaftlichem Erfolg nicht von ihrer politischen Haltung abgelassen.

Es lebe die politische Haltung!

Das Interview führte Luca Müller, Lisa Linsin, Vasiliki Tsaknaki und Ramon Stricker mit Point Blank.

Thanks to:

Point Blank
Olympiou Diamanti 20
Thessaloniki 54626, Greece
tel-fax: +30 2310 522587