8.1.2013
Menschsein ist streng- oder Hermann Hesse trifft auf Yoko Ono. Ein Versuch, Gemeinschaft zu definieren

Eine Gruppe von Studierenden versammelt sich um einen grossen Tisch. Es sind angereiste Hyperwerkerinnen und Hyperwerker der FHNW aus Basel und ihre Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Sprachkunst an der Angewandten in Wien. Wer sind die einen, wer die anderen? Wie definiert sich jede und jeder, was ist Schein und was ist Sein? Schon sind wir mitten im Thema. Um Gemeinschaft soll es gehen in der viertägigen Arbeitszusammenkunft. Der Begriff wird von beiden Gruppen und von Anfang an als etwas sehr Ambivalentes wahrgenommen.

Ein Blick zurück in Senones

Im Dezember davor definieren Studierende des Hyperwerks im Elsass in Gruppenarbeiten den Begriff, um ihn in einem zweiten Schritt gemeinsam zu gestalten und in ein Jahresthema zu überführen. Was taugt diese Bezeichnung, wie lässt sie sich überprüfen, wie wird sie sicht- und erlebbar? Witzige Aktionen und Umsetzungen folgen im Januar darauf im Rahmen des „Open House“, wo Gäste per Post das grosse Los ziehen und sich zu einem Fondue im Innenhof des Hyperwerks um Stehtische versammeln, um mit einer „Käsesuppe“ Gemeinschaft kulinarisch mit Gästen, Eltern und Freunden auszuprobieren.

Suchen und Finden in Wien

Durch erste lockere Gespräche bilden sich bald  unterschiedliche Gruppierungen. Frei zusammengewürfelte Wortsammlungen weichen einem analytisch kritischen Denken. Von einem Gefahrenpotenzial im virtuellen Raum wird gesprochen, von Ohnmacht in der globalen Masse. Diskussionen entfachen ein Kreuzfeuer, das hypertextuelle Miteinander verknüpft Hells Angels und Al Kaida. Moral und Ethik halten sich die Waage.  Eine Wertegruppe will gegründet sein. Gesang, Hymnen, Rituale, Stadt und Land sind Inhalte von lebhaft kontroversen Gesprächen. Schicksalsgemeinschaften lösen sich auf, Trittbrettfahrer springen ab,  „Krocher“ und Oppositionelle, Mythen und Bringschuld bilden einen bunten Reigen. Einzelne Wünsche, Interessen und Meinungen lassen sich zur elastischen Masse kneten. Neubildungen formen Gemeinschaften des ultimativen Kicks: Etwas Anderes, Besseres, unerwartet Neues muss her!

Im Dialog entpuppen sich fiktive Dilettanten als gewiefte Taktiker die mit Isolation und rigidem Regelwerk genauso umgehen können wie mit sichtbaren und unsichtbaren Grenzbereichen. Gemeinschaft wird ständig mit der eigenen Rolle abgeglichen,  ist Konzept und gemeinsame Arbeitsform in einem. So oszillieren Theorie, Praxis, persönliche Erfahrung und Fiktionalisierung zwischen genauen Zahlen und kaum fassbaren Werten. Auf harte Fakten fallen bunte Konfettistreifen. Ein Drehbuch wird geschrieben.

Zwischen Wien und Basel bilden sich vier Gruppen ganz nach dem Motto heimlicher und unheimlicher Allianzen.  Sie camouflieren Subkulturen, gründen einen fiktiven Mob, tüfteln an cleveren Geschäftsmodellen und Spielen, planen gar den Bau einer Wippe (nach Durkheim) im Selbstversuch. Der Aufstieg und Fall einer Gemeinschaft ist beschlossen,  Hermann Hesse erfindet sich als fiktives Rollenmodell, Yoko Ono zeichnet Mangas. Gemeinschaft soll verhandelbar bleiben, Gruppen mutieren, neue Mitglieder passen sich ein, selbst Einzelpersonen und Splittergruppen sind mit von der Partie.

Der kommune Alltag wird nicht ausgeblendet. Einzelne Studentinnen und Studenten schreiten zur Tat. Per Kamera und Mikrofon bringt sich auch die Wiener Bevölkerung in  die Gemeinschaftsdiskussion ein. Dass sich die Menschen auf der Strasse nicht irritieren lassen, ist Zeichen der medialen Allgegenwart, die selbst vor der breiten Öffentlichkeit nicht halt macht. Kamerascheu war gestern. Dass es trotzdem Chutzpe braucht, wildfremde Menschen auf ihrem Sonntagsspaziergang im Park anzusprechen, sei an dieser Stelle vermerkt. Die Neugier überwiegt, provokante Aktionen können helfen, schräge Geschichten zu streuen, um sie zum gemeinschaftlichen Selbstläufer werden zu lassen. Und ja, die Idee ist witzig, denn befinden wir uns nicht selbst dauernd in einer Gerüchteküche, die ab und zu absurde wilde Blüten hervorbringt?

Dass die Zungenreliquie von St. Antonio aus Padua mit Bildern vom Gletscherschwund verknüpft werden kann, führt zur berechtigten Frage, wer als Wikipedia Autor Artikel verfassen darf, wer für die Allgemeinheit was wie veröffentlicht oder von wem es gelöschtv wird.

Ein Dokumentationsteam begleitet die verschiedenen Gruppen von Anfang an. Das löst Kontroversen aus: Kaum schwebt eine Idee über den Köpfen, muss sie auch schon medial aufbereitet sein. Trotzdem helfen gerade Zwischenresultate das Feld einzugrenzen. Frische Statements, zaghafte Annäherungen, kraftvolle Vergegenwärtigungen der intensiven Gruppenarbeit, die allen das abverlangt, was einer allein nie zu leisten im Stande ist so wird sofort dokumentiert. Der Film erfasst die Inhalte, das Experiment ist gelungen.

Ein humanes Wertespiel als Quartett sucht Mitspieler, Gerücht oder Gemeinschaftsbau, alle Formen der Umsetzung sind noch möglich. Dem Gründungsmythos sind keine Grenzen gesetzt. Der lustvolle Selbstversuch wird gewagt.  Ein Hörspiel von der Fiktion der Fiktion über die Fiktion eröffnet tatsächlich die Möglichkeit dass Hermann Hesse auf Yoko Ono treffen könnte. Wie hätte wohl dieser feingliedrige Brillenträger auf, wie Wikipedia schreibt, die meist gehasste Frau der Welt geblickt? Love, love love!

Yoko Ono, dessen bin ich mir sicher, würde sich darüber freuen. Aber, weshalb fragen wir sie nicht selbst?

Andrea Iten