ABSTRAKT

Litauen, wie wir es heute kennen, existiert in dieser Form erst seit 22 Jahren. Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion stagniert der Bereich von Kunst und Kultur. Beispielweise scheint die litauische Filmindustrie und die bildende Kunst seit der Abschaffung des Kommunismus von der Leinwand verschwunden zu sein.

Die neugewählte Hauptstadt Vilnius hinterlässt zwar einen modernen Eindruck mit ihren riesigen Einkaufzentren und Hochhäusern am Stadtrand. Aber zugleich ist die verlassene und trostlose Atmosphäre durch all die leerstehenden Gebäude und Fabriken ums Stadtzentrum herum unübersehbar. Zum Einen hat der Staat zu wenig Geld, um diese Gebäude umzunutzen und zum anderen ist es für Firmen günstiger, einen Neubau zu lancieren, als ein bestehendes Gebäude zu renovieren oder gar abzureissen.

Schockierend fand ich auch, die Eintönigkeit an Kultur und Unterhaltung, welche ich während meines Aufenthalts in Litauen erleben durfte, welche sich vor allem auf die Tourismus fokusierte, so erschien es mir jedenfalls, als ich mit den Einheimischen immer wieder durch die Stadt zog. Aber die schöne Landschaft, die sauberen Städte, die Offenheit und die Bildung von den dort lebenden Menschen hat in mir die Frage aufgeworfen, auf welche Faktoren sie sich bezüglich ihre eigentlichen kulturellen Identität beziehen. Viele Jugendliche fühlen sich gezwungen von einer Zukunft oder einem Studium im Ausland. Aber eigentlich würden sie gerne im ihrem eigenen Land bleiben, so jedenfalls mein Eindruck in Geprächen mit Betroffenen. Diese Form von Entwurzelung kann grosse Wirkungen auf die Entwicklung auf eines Menschen haben. Was könnte dies für Folgen haben?

Dies hat mich dazu bewogen mit den betroffenen Menschen zu arbeiten. Das was ich dort erleben durfte und der spürbare Wille der jungen Menschen in diesem Land, überzeugt mich, meine eigenen Lebenserfahrung im Spiel zu bringen und der Bedeutung der menschlichen kulturelle Identität nachzugehen. Dies soll zweierlei bewirken: Einerseits soll meine Arbeit die Frage nach den Gründen bei so einen Vorhaben genauer untersuchen. Wie fliesst die Vergangenheit bei einem Neuanfang mit ein? Mit dem Format von Bild und Video und der daraus resultierende Diskurs, sollen bei der Entscheidungen von Litauern behilflich sein, neue Möglichkeiten im eingenen Land zu sehen oder eine tiefere Reflexion vorzunehmen, bevor man die Entscheidung trifft, sein Leben im Ausland aufzubauen.

 

MOTIVATION, FRAGESTELLUNG & BESCHREIBUNG

Im Gespräch mit litauischen Studenten erhielt ich den allgemeinen Eindruck, dass es sie nicht kümmert, was sie in ihrem Land erreichen können. Die Finanzkrise ist in diesem Fall nicht ganz unschuldig, weil dadurch die Entwicklung des Landes stagniert. So konzentrieren Jüngere ihre eigene Zukunft eher auf Jobs und Studiengänge im Ausland. Um nur einen Grund zu nennen, nimmt die Arbeitslosigkeit im Land von Jahr zu Jahr zu. Viele haben bereits die Hoffnung aufgegeben, ihr Leben in Litauen fortzuführen. Es scheint eine durch Globalisierungsprozesse bedingte Migration zu sein, denn der Wille etwas zu erreichen, ist zwar vorhanden, jedoch scheint bei vielen Jugendlichen dies in Litauen nicht möglich zu sein. Trotzdem kommt es einem so vor, als würden sie gerne im eigenen Land leben wie ich durch Gespräche erfuhr. Als in der Schweiz geborener Kambodschaner kenne ich meine ursprünglichen kulturellen Identität nicht und ich bin in Grund genommen ohne diese aufgewachsen, habe quasi eine fremde Kultur als meine eigene angenommen. Mich erschreckt der Gedanke, seine eigene Heimat zu verlassen, um sich anderen kulturellen Werten unterordnen zu müssen, wenn man eigene hat. Gerade weil ich in diesem Sinne “entwurzelt“ aufgewachsen bin, sehe ich mich als geeignete Person, einen Diskurs über die eigene kulturelle Identität, den Begriff Heimat und das Potential über dieses Bewusstsein anzustossen. Ich möchte deshalb mit den Litauern zusammen diese Wurzeln neu entdecken und das Potential darin aufzuzeigen. Dafür werde ich drei verschiedenen Gruppen untersuchen: Litauer welche bereits in die Schweiz ausgewandert sind, jene Kulturschaffende, welche sich ihre eigene Zukunft in Litauen bereits aufgebaut haben und Jugendliche, welche vor der Frage stehen, auszuwandern oder doch in ihrer Heimat zu bleiben. Ich möchte diese Thematik bei den Betroffenen neu aufnehmen und den Diskurs über dieses aktuelle Thema durch eine fremde Sichtweise fördern. Denn ich glaube fest daran, dass erst eine Aussenansicht, dieses Potential aufdecken kann.

Es scheint mir, als wäre bei den heutigen Jugendlichen die Wichtigkeit der kulturellen Identität zu einer Nebensache geworden. Heute erstellt man durch den Community-Trend, z.B. Facebook oder Twitter, auf die Schnelle eine neue oberflächliche Identität. Ich sehe aber durchaus eine Wichtigkeit bei der Suche nach den eigenen kulturellen Identität und deren Potential bei der Entwicklung eines Menschen.

Dies bewog mich in meinem Diplom folgenden Fragen nachzugehen:

Wie wichtig sind uns unsere kulturelle Identität und welche Rolle spielen sie im Leben eines Menschen?

Welches gestalterische Potential hat die eigene kulturelle Identität und wie kann diese reflektiert werden?

Was nehmen wir mit und was hinterlassen wir wenn wir uns für eine Zukunft im Ausland entscheiden?

 

VORGEHEN

Mit der Gruppe Litauer in der Schweiz werde ich mit meinem Team, Video Interviews führen. Die daraus resultierenden Resultate sollen das Leben von Ausgewanderten in der Schweiz darstellen.

Vorort werde ich jungen Künstler aufsuchen und begebe mich mit ihnen auf die Suche nach ihrer kulturellen Identität.

Gleichzeitig werde ich zusammen mit dem Maler, Raus Ciosescu aus Rumänien, welcher selber ausgewandert ist, ausgewählte Personen besuchen und interviewen. Aus den gewonnen Informationen werden wir nach im Prozess erarbeiteten Kriterien ein Portrait der jeweiligen Person aus der Sicht eines Fremden, also uns, kreieren. Anna Memcova, eine tschechische Fotografin aus England, wird aus ihrer Sicht den jeweiligen Porträtierten ablichten.

Die daraus resultierenden Produkte aus den zwei litauischen Gruppierungen werden in Litauen in Form von einer Ausstellung präsentiert und sollen das Potential der eigener kulturellen Identität und das Bewusstsein dieser vermitteln.  Ich erhoffe mir daraus ein Diskurs über dieses Thema zu fördern, im besten Fall neue Lösungsansetze mit diesem Bewusstsein zu schaffen.