9.1.2013
Interview mit Flugangstpsychologin

Bettina Schindler, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP in eigener Praxis.
Leitung von Fit-to-Fly Flugangstseminaren. Einzeltherapien, Coaching, Supervision und Ausbildungstherapien.
www.fit-to-fly.ch

 

Frau Schindler, ca. die Hälfte der Betroffenen hatten ein Erlebnis während eines Fluges, das die Angst ausgelöst hat.
Gibt es Menschen die darüber berichten, dass die Angst am Flughafen selbst ausgelöst wurde?

Hauptsächlich sind es Turbulenzen, welche die Angst auslösen. Es gibt viele Betroffene, die sogar die Atmosphäre am Flughafen mögen. Die Urlaubsstimmung, und zu wissen, dem Alltag entfliehen zu können wenn man dann angekommen ist.

Sie schreiben auf Ihrer Website, dass man die Angst in drei Ebenen in den Griff bekommen kann: Körper, Gedanken und Verhalten.
Körperlich durch Atem- und Entspannungsübungen, die Gedanken durch Gedankenumwandlung und das Verhalten durch Angststellung.
Würden Entspannungsmaßnahmen wie spezielle Farben, Düfte, Möbeln, Licht usw. am Flughafen Sinn machen, oder sind die Menschen dort schon so sehr mit ihrer Angst beschäftigt, dass nicht einmal das Unterbewusstsein diese Dinge wahrnehmen kann?

Ich denke das würde Sinn machen. Mann könnte durch das Unterbewusstsein die Angst direkt vor dem Fliegen ein wenig minimieren. Wie stark einzelne Personen darauf reagieren ist natürlich individuell. Aber das Warten am Gate ist definitiv nicht förderlich gegen die Angst.
Alles ist sehr automatisiert, man hat kaum persönlichen Kontakt zum Bodenpersonal. Heut zu Tage legt man die Bordkarte auf einen Scanner und darf durch eine Schranke laufen. Früher hat ein/e Mitarbeiter/in am Gate die Bordkarte kontrolliert und noch einen „Guten Flug“ gewünscht. 

Am Flughafen in Zürich ist mir besonders im Terminal A aufgefallen, dass alles ziemlich alt und erdrückend aussieht. Zudem gibt es Stellen, wo Kabel von der Decke hängen.
Das selbe habe ich in Madrid beobachtet.
Sind das mögliche angsteinflössende Dinge, die man rasch ändern sollte, oder achtet ein Flugängstlicher nicht auf so etwas?

Das sind durchaus Dinge, welche die Angst negativ beeinflussen. Was macht es für ein Bild, wenn man sowieso schon sehr ängstlich ist und dann auch noch Kabel von der Decke ragen? Signalisiert das Professionalität und Sicherheit? Ich kenne leider das Terminal B nicht sonderlich gut, darum kann ich keine Vergleiche ziehen. Aber das Terminal A ist wirklich nicht sehr einladend.Zudem denke ich, dass es die Leute stört, dass der Flughafen Zürich permanent umgebaut wird.

Die Abfertigung beim Check-In ist teilweise recht mühsam. Man wartet lange in Schlangen und die Mitarbeiter sind auch nicht immer die freundlichsten.
Sollte es ein spezielles System für Menschen mit Flugangst geben, wofür man sich evtl. anmelden kann? Sodass es beispielsweise einen fixen Termin gibt, der für den persönlichen Check-In reserviert ist?

Das könnte eventuell schon helfen, da es ein personalisiertes System ist. Aber ganz ehrlich: Es outen sich niemals alle die Flugangst haben. Frauen sind in dieser Hinsicht schon offener als Männer. Aber viele möchten nicht zugeben Angst zu haben.
Zudem bezweifle ich, dass das Personal zu so etwas bereit wäre. Wenn es so etwas in dieser Form gäbe, muss es das gleiche auch für Menschen mit Behinderung geben.

Werden Flugängstliche gerne auf Ihre Angst angesprochen und würden sie „Sonderbehandlungen“ in Anspruch nehmen?

Wie zuvor schon gesagt, Frauen sind um ein vielfaches offener als Männer. Menschen die unter sehr starker Angst leidern, nehmen sehr gerne jede Hilfe an.
Ein Teil würde bestimmt gesonderte Maßnahmen in Anspruch nehmen.

Das Warten am Gate stelle ich mir als Flugängstlicher sehr nervenaufreibend vor.
Sollte es an den Gates mehr Möglichkeiten zur Ablenkung wie Entertainment oder Entspannungsabteilungen (Massageliegen o.Ä.) geben?

Entertainment nicht unbedingt. Was diese Menschen wollen sind Informationen. Besonders wenn ein Flug Verspätung hat wollen sie wissen warum.
Am liebsten würden sie im Vorfeld mit dem Piloten sprechen, ihn nach den Wetterverhältnissen und Prognose für den Flug fragen. Für Massageliegen oder Ähnliche Dinge sind Betroffene meist mit sich selbst zu beschäftigt, um sich auf so etwas einzulassen. Die Idee die Angst unterbewusst durch Umgestaltung des Flughafens zu lindern könnte der richtige Ansatz sein.

Werden momentan schon Flughäfen gebaut, die beruhigend auf Passagiere wirken?
Wenn nein, wieso wird darauf keine Rücksicht genommen wenn 1/3 der Passagiere unter Angst leiden?

Ich weiß von keinem Flughafen der speziell auf Angst eingeht.
Die Flugangst wird aber auch von Fluggesellschaften ignoriert. Es geht bei Flughäfen und Fluggesellschaften nur um Sitzplätze und Kommerz. Hauptsache es gibt tausende verschiedene Angbote in einem Duty-Free und alle Flüge sind bis aufs Äusserste ausgebucht und bestuhlt. Das Kabinenpersonal ist ist sich durchaus bewusst, dass es Menschen mit Flugangst gibt und sind auch daran interessiert diesen Menschen zu helfen. Jedoch lässt auch das nach, da bei der Ausbildung als Flugbegleiter/in der Kurs bezüglich Flugangst freiwillig geworden ist. Man muss diesen Kurs nicht besuchen. Es hat auch sehr lange gedauert Swiss als Partner und Teilkostenträger für unsere Flugangstseminare zu gewinnen. Es wird permanent nur kommuniziert wie sicher und schön das Fliegen doch sein.

Gibt es ein „Notfallplan“ für panische Fluggäste? Wenn ja, wie sieht der aus?

Es gibt kein Notfallplan für panische Fluggäste. 99% würde ein kurzes Gespräch mit dem Pilot schon so sehr beruhigen, dass er kaum mehr Angst haben würde. Doch leider hat die Crew meist keine Zeit für solch ein Gespräch. Genau so etwas machen wir dann in unseren Seminaren. Wir schauen ein Cockpit an, reden mit einem Pilot und einer Flugbegleiterin, begutachten zusammen mit dem Pilot das Flugzeug. Er erklärt einfach alles. Am Ende fliegt dann die ganze Gruppe zusammen. Die Erfolgsrate von einem Seminar ist annähernd vollständig.