Die Gärten an der Stadtmauer

 

Für die Zeit während unseres Aufenthaltes in Istanbul haben Peter Blickenstorfer und ich uns vorgenommen, herauszufinden, ob es in dieser riesigen Stadt auch ”Urban Gardening” Projekte gibt. Gabriele Ohl, langjährige SF-Korrespondentin in Istanbul, welche uns während unseres Aufenthalts mit ihrem Wissen unterstützte, waren keine Projekte in diesem Themenfeld bekannt. Sie erzählte uns jedoch, dass entlang der alten Stadtmauer schon seit Jahren Gemüse angepflanzt wird. Dies weckte meine Neugierde und ich entschloss mich, zusammen mit Peter Blickenstorfer und Gabriele Ohl, einen Augenschein vor Ort zu nehmen.

 

 

 

Während der Taxi-Fahrt zu den im Süd-Westen der Stadt gelegenen Gärten, erzählt uns Gabriele von der Geschichte der StadtmauerDie Theodosianische Mauer wurde unter Kaiser Theodosius II und dem Präfekten Anthemius anfangs des 5. Jahrhunderts zum Schutz des damaligen Konstantinopels errichtet. Die Landmauer besteht aus insgesamt vier hintereinander, stufenförmig angeordneten Befestigungslinien, welche in der Breite rund 70 Meter einnehmen. Sie ist etwa 20 Kilometer lang und hat massgeblich zum langen bestehen des Byzantischen Reichs beigetragen. Nicht ohne Grund gilt sie als die erfolgreichste und bestdurchdachteste Befestigungsanlage, welche je gebaut wurde.
Nach einer rasanten Fahrt quer durch die Stadt erblicken wir die Gärten. Eingepfercht zwischen der vierspurigen Autostrasse und der zweiten Befestigungslinie der Landmauer, im damaligen Wassergraben. So weit das Auge reicht sehen wir nur Gärten und Stadtmauer. Wir stellen uns die Frage, wie das denn funktionieren würde? In der Schweiz wäre eine Fläche, welche direkt an ein historisches Bauwerk grenzt, am ehesten ein Parkgelände, aber bestimmt kein riesiges Gemüsebeet! Wir gehen den Gärten entlang und suchen eine Person, welche uns erklären kann, was es mit diesen Gärten auf sich hat.

 

 

 

Nach einigen hundert Metern sehen wir in einem der Felder einen älteren Herren. Wir gehen zu ihm hin und fragen ihn, ob wir ihm einige Fragen zu den Gärten stellen dürfen. Er meint jedoch dass er nur ein Tagelöhner sei und dass wir weitergehen sollen, bis wir zu einem Haus kommen. Dort würde wir seinen Chef treffen, welcher uns mehr Informationen geben könne. Wir gehen weiter und kommen an unterschiedlichsten Gemüse- und Gewürzbeeten vorbei. Es ist ein beeindruckender Ort. So weit das Auge reicht nur Mauer, als hätte sie kein Ende. Doch man sieht ihr das Alter an. An vielen Orten ist sie eingestürzt und stellenweise notdürftig mit anderen Ziegeln geflickt. Heimatschutz – Fehlanzeige. Sie erinnert uns einerseits an einen heruntergekommenen Freizeitpark, andererseits hat die Atmosphäre mit den Gärten im Abendlicht und der alten Stadtmauer im Hintergrund auch eine mystische Wirkung auf uns.

 

 

 

Als wir endlich zum genannten Haus kommen, treffen wir auf einige Frauen und Männer, welche uns aber ebenfalls keine genaueren Informationen geben können. Sie schicken uns noch ein Stück weiter zu einem Händler, welcher direkt an der Strasse Gemüse verkaufe. Auf dem Weg dahin kommen wir an diversen Hütten vorbei. Solche, wie man sie sich in Slums vorstellt. Aus Wellblech und Holzstücken zusammengezimmert, wovon manche direkt an die Mauer gebaut sind. Einige Minuten später treffen wir endlich den besagten Gemüsehändler, welcher sich uns mit dem Namen Mustafa vorstellt. Nachdem wir ihm kurz schilderten, was uns zu den Gärten, respektive zu ihm, führt, war er bereit, unsere brennenden Fragen zu beantworten.

 

Mustafa war lange als Koch tätig. Nun ist er Mitte 50 und seit seiner Pensionierung wieder zurück in dem Garten, wo er schon als zwölfjähriges Kind arbeite. Ursprünglich stammt er aus der  am Schwarzmeer liegenden Region Kastamonu, welche für ihren Gemüseanbau bekannt ist. Die Fläche, welche sie hier an der Stadtmauer bewirtschaften, haben sie, wie alle anderen Gemüsebauern auch, von der Stadt gepachtet. Es ist eine Fläche von rund 8000 – 9000qm welche Mustafa zusammen mit seiner Frau, seinem Schwager und weiteren Verwandten und Bekannten betreibt. Gewöhnlich arbeiten rund sechs Personen auf dem Feld. In den Sommermonaten, wann es viel zu tun gibt, werden Tagelöhner zur Bewältigung der Arbeit hinzugezogen. Ihr Leben können sich alle mit dieser Arbeit finanzieren. Ein Tagelöhner verdient auf dem Feld rund 50 TL (Türkische Lira) am Tag. Beim Verkauf auf dem Markt, springen 100 TL raus. Rund 30 verschiedene Gemüse und Früchte bieten sie hier am Stand, wo wir mit Mustafa sprechen, an. Wenn sie an den Markt fahren, kaufen sie, um ein vielfältiges Angebot präsentieren zu können, noch weiteres Gemüse am Grossmarkt hinzu. Ein Kilogramm Bohnen kostet da rund 1,5 TL, was auf dem Markt für 4 TL gewinnbringend verkauft werden kann. Bewirtschaftet werden die Gemüsebeete nur von Frühling bis Herbst. Im Winter, während welchem in Istanbul auch gut und gerne mal mit Schneefall zu rechnen ist, werden lediglich Zwiebeln und Ruccola im eigenen Gewächshaus angebaut. Als Dünger verwenden sie einerseits Naturdünger aus der eigenen Kompostierung. Andererseits beziehen sie von der Landwirtschaftskooperative Istanbuls aber auch Kunstdünger und Pestizide, ohne welche sie das momentane Preis-/Leistungsverhältnis nicht halten könnten. Mustafa fügt aber hinzu, dass er, in seinem kleinen Haus im Norden der Stadt, einen kleinen Garten hat, in welchem er für seinen eigenen Bedarf nur biologisch anbaut.

 

 

 

Gegen Ende unseres Gesprächs wird Mustafa immer lockerer. Wir fragen ihn, ob wir von ihm hinter dem Verkaufsstand einige Fotos machen dürfen. Ungeachtet dessen, dass gerade zwei Frauen ihre Einkäufe bei ihm tätigen wollen, willigt er sofort ein. Als die Kundschaft wieder weg ist, fordert er uns auf, ihn auch mit seinen Mitarbeitenden unten auf dem Feld zu fotografieren. Natürlich willigen wir ein und folgen ihm hinab in den Garten. Mustafa setzt sich richtig in Szene und posiert regelrecht vor ihnen. Als Gabriele ihn fragt, ob es für die anderen OK ist, lacht er und sagt: “Macht schnell, bevor sie es sich anders überlegen.” Er ist hier definitiv das Oberhaupt!

 

 

Mit den Taschen voller Feigen – die leckersten, welche wir je gegessen hatten – machten wir uns auf den Weg zurück in unser Hostel. Mit diesem grünen Paradies entlang der Stadtmauer, haben wir kein Urban Gardening Projekt kennengelernt, wie es in unserer Vorstellung existiert. Vielmehr aber die Menschen und ihr Leben, in ihrer authentischen Art und Weise, kennengelernt und einen Einblick in ein einzigartig- und alterprobtes Urban Agri Culture Projekt bekommen, welcher einem normalen Touristen definitiv verwehrt bleibt.

 

Georg Egli und Peter Blickenstorfer