10.1.2013
MIT STIFT UND PAPIER

Zu viert sitzen sie an einem Tisch im Halbdunkeln. Am unteren Tischende eine Brillenträgerin mit Stirnfransen, unauffällig, irgendwie zierlich. Links ein blonder Sportler, zwischen fünfzehn und fünfunddreissig, wohl Student oder Banker. Ihm gegenüber eine mit Seidenhalstuch: wacher Blick, dezent geschminkt, Raucherin. Am anderen Tischende ein breitschultriger Hüne mit Pferdeschwanz und tiefer, klarer Stimme.

„Ihr stapft abwärts. Immer wieder sackt ihr knietief im Schnee ein. Es schneit noch immer. Ihr kommt nur mühsam voran und langsam bricht die Nacht herein.“

„Wie weit sind wir inzwischen?“

„Du schaust zurück. Der Berggipfel liegt hinter euch in den Wolken. Ihr seid knapp über der Waldgrenze. Es ist flacher. Einen Viertel des Weges habt ihr geschafft.“

„Mist, das schaffen wir nie in zwei Tagen.“

„Ja, wir müssen schneller vorankommen, wenn wir die Postkutsche erreichen wollen.“

„Können wir nicht einfach die ganze Nacht weiter wandern?“

„Du schon, die andern beiden werden das nicht schaffen.“

„Und wenn ich sie trage?“

„Gleich beide? Höchstens drei Stunden.“

„Nein, wir sollten rasten.“

„Finde ich auch. Nicht zu lange, einfach bis wir wieder bei Kräften sind.“

„Ich halte Ausschau nach einem geeigneten Unterschlupf.“

„Wonach genau suchst du?“

„Eine Höhle?“

„Würfle.“

Der Tisch ist fast vollständig belegt mit einem wilden Sammelsurium, das an die Kollision zwischen einem Schreibwarengeschäft und einem Tankstellenshop erinnert. In der Mitte steht, etwas verloren, eine barock anmutende Tischdekoration. Die Raucherin greift nach drei Sechserwürfeln, schüttelt sie energisch in der Hand. Einen Moment hält sie inne, dann lässt sie die Würfel auf den Tisch kullern.

„Fünf!“

„Trotz Müdigkeit geht ihr weiter. Mehrmals rutscht ihr leicht ab. Nach einer Weile erreicht ihr die Waldgrenze. Unter einem Bergvorsprung seht ihr einen dunklen Umriss.“

„Bewegt sich da etwas?“

„Nein.“

„Wir gehen darauf zu.“

„Beim Näherkommen könnt ihr erkennen, dass es sich um eine Art Hütte handelt. Sie ist recht unsorgfältig aus Brettern zusammengezimmert.“

„Sieht sie bewohnt aus?“

„Nein. Türen und Fenster sind verbarrikadiert.“

„Ich mache mich daran, die Eingangstüre aufzubrechen.“

„Wie willst du das machen?“

„Ich nehme Anlauf und renne mit der Schulter dagegen.“

„Ich ziehe mein Schwert.“

„Unter lautem Krachen fällst du mit der Tür, einem Kubikmeter Schnee und einem grösseren Stück Wand auf den staubigen Fussboden.“

„Ich werfe ihm einen herablassenden Blick zu, packe eine Fackel aus und zünde sie an. Dann gehe ich rein.“

Zu viert sitzen sie am Tisch und spielen weiter. Ich daneben, höre zu. Es wird erzählt, diskutiert, verhandelt, geplant – und viel herumgealbert. Über mehrere Stunden bewegen sie sich so gedanklich durch ein Abenteuer, lassen eine ganze Welt entstehen.
Pen-&-Paper-Rollenspiele leben von Kommunikation und Kooperation. Im Spiel ist das Wir unausweichlich, und damit auch das ständige Entwerfen und Gestalten des Miteinanders. Gemeinschaft als Unterhaltung? Möglicherweise.

„In letzter Sekunde reisst du die andern beiden aus dem Schlitten und ihr seht, wie er im Abgrund verschwindet.“

„Danke!“

„Das war knapp. Wo ist die Tasche?“

„Ich trage sie am Rücken.“

„Ich lege mich auf den Bauch, krieche zum Abgrund und schaue nach unten.“

„Durch leichte Dunstschwaden siehst du weit unten ein Dorf.“

„Was sagt die Karte?“

„Laut Karte dürfte es sich um euren Zielort handeln.“