4.1.2013

Diplomprojektbeschreibung: Über die Eigenfrequenz von Luftschlössern (Arbeitstitel)

Im Rahmen einer Forschungsarbeit will ich mich mit dem Imaginären befassen. Mit Luftschlössern, mit Entwürfen, mit den Produkten unserer Phantasie. In Zusammenarbeit mit Phantasten, Realisten und Utopisten gehe ich der Frage nach, inwiefern sich das Imaginäre als Gemeingut verstehen lässt. Spielsituationen sollen uns dabei als Entwurfswerkstätten dienen, in denen Antworten auf die eigene Fragestellung in Form von Bildern, Metaphern und Modellen formuliert werden. Die Ergebnisse fliessen schliesslich zu einem gestalterischen Essay zusammen, das in geeigneter Form publiziert wird.

Motivation

Pro Tag fahre ich durchschnittlich zwei Stunden Zug. Zeit genug, ganze Städte in den Wolken zu bauen. Entwurfsräume zu öffnen, Fragen zu stellen und Dinge umzudenken sind existentieller Bestandteil meines Alltags, und das weit über lange Zugreisen hinaus.
Konzeption ist während des Studiums zu meinem gestalterischen Schwerpunkt geworden. Zum konzeptionellen Entwurfsprozess gehört, auch über das Konkrete hinaus zu blicken. Beim Blick über den Tellerrand ergeben sich gestaltbare Freiräume, die ich immer wieder als faszinierende Herausforderung erlebe. Das macht mich neugierig. Welches Potential steckt im gedanklichen Entwerfen?

Themenfeld

Das Imaginäre hat im deutschen Sprachraum einen schweren Stand. Während es im Englischen und Französischen eher mit dem Bildhaften im allgemeinen verknüpft und seit längerem interdisziplinär erforscht wird, verstehen wir darunter – vorwiegend negativ konnotiert – unwirkliche, nur vorgestellte Gegenstände. Das Imaginäre ist damit in erster Linie etwas überaus Individuelles; Luftschlösser und Tagträume gelten als Nebenprodukt unserer Phantasie. Wie steht das Imaginäre zu einem Kollektiv? Können wir es als Gemeingut betrachten? Welcher Wert ergibt sich, so gedacht, für die Beteiligten?
Als Gemeingüter bezeichnen wir Güter, die im Besitz einer Gemeinschaft sind und die demnach jeder dieser Gemeinschaft nutzen darf. Grundsätzlich sind das konkrete Dinge, etwa ein gemeinsamer Acker, das Wasser oder zur Weiternutzung freigegebener Programmiercode. Gibt es auch imaginäre Gemeingüter? Welche Rolle spielen Vorstellungen und Entwürfe in Gemeinschaften? Wo ist die Grenze zwischen dem Imaginären und dem Konkreten?

Fragestellung und Ziel

Inwiefern lässt sich das Imaginäre als Gemeingut begreifen? Ausgehend von dieser Frage soll ein gestalterisches Essay entstehen, das einen inhaltlichen Beitrag zum Jahresthema zu leisten vermag.
Das aufgespannte Forschungsfeld soll vermessen und kartographiert werden. Dies in der Erwartung, Antworten auf meine Fragestellung in Form von Bildern, Metaphern und Modellen formulieren zu können. Die Ergebnisse sollen schliesslich in geeignetem Rahmen publiziert werden.

Endprodukt

Es stellt sich die Frage, wie man die Ergebnisse eines gestalterischen Forschungsprozesses angemessen bereitstellt. Naheliegend scheint, an den Grundgedanken des Essays anzuknüpfen. Klassischerweise beziehen wir uns dabei auf eine Textform. In der Designforschung dürfte es sich lohnen, diese mediale Grenze aufzuheben.
Unter einem Essay verstehe ich die Herleitung und Darstellung einer These im Kontext ihres Themenfeldes. Die persönliche Auseinandersetzung hat dabei grosses Gewicht, ein Anspruch auf Wissenschaftlichkeit wird nicht erhoben.
Um das Endprodukt später bestmöglich auf seinen Inhalt anpassen zu können, lasse ich die mediale Form des Essays an dieser Stelle offen. Wahrscheinlich ist, dass es sich in den Grenzen der Medien bewegen wird, mit denen ich bevorzugt arbeite (Text, Zeichnung, Fotografie, Comic, Animation, Spiel).

Vorgehen

Allgemein. Die Forschungsarbeit findet auf drei Ebenen statt: Entwurf, Recherche und Reflexion. Speziell auf der Entwurfsebene will ich Mitstudierende einbeziehen. Ich will jedoch nicht mit einem festen studentischen Team arbeiten, sondern flexibel und gezielt die Zusammenarbeit suchen. Bei Recherche und Reflexion sollen nach Bedarf Experten beigezogen werden.

Notation. Prozesse müssen sichtbar gemacht, Ergebnisse festgehalten werden. Die Notation spielt deshalb im gesamten Projekt eine zentrale Rolle. Aus früheren Arbeiten bringe ich funktionierende Systeme mit, will aber auch Neues ausprobieren. Ich rechne damit, dass wir mindestens drei Notationssysteme nutzen werden, angepasst auf die Anforderungen der jeweiligen Projektebene. Beispiele für nicht textbasierte Notationssysteme sind etwa Moodboards, Skizzen, Tonaufnahmen oder Objektsammlungen.
In Entwurf, Recherche und Reflexion werden sowohl sprachliche als auch visuelle Mittel eingesetzt. Die drei Ebenen laufen weitgehend parallel, unterscheiden sich jedoch in Fragestellung und Perspektive.

Entwurf. Der Fokus dieser Projektebene liegt auf der Produktion von Entwürfen. Ausgehend von „als ob“ und „was wäre wenn“ will ich zusammen mit Phantasten, Realisten und Utopisten Luftschlösser bauen. Das soll zu konkreten Ergebnissen führen, etwa zu Skizzen, Fotos, Texten, Geschichten oder Spielkonzepten. Zusammen mit der Recherche bilden die Entwürfe die Basis für die Reflexion. Gleichzeitig dient die Ebene als Testumgebung für Thesen und Denkmodelle.
Spielsituationen sollen hier zur Entwurfswerkstatt werden. Sie erlauben es kurzfristig Gemeinschaft herzustellen, sind überaus variabel und weitgehend losgelöst von einem Zweck, der über das Spielen hinausgeht.
Passende Spielsituationen gilt es noch zu konstruieren. Spielprinzipien bekannter Gesellschaftsspiele können dabei als Vorlage dienen.

Recherche. Das Projekt erfordert eine methodische und eine inhaltliche Recherche. Durch erstere erschliesse ich mir die relevanten methodischen Grundlagen. Kernbegriffe sind dabei etwa Anschauliches Denken, Designforschung, Entwurfsforschung, Partizipatives Design, Metapher und Spiel.
Die inhaltliche Recherche nutze ich dazu, einen Überblick über die bestehenden Diskurse zu gewinnen und die verschiedenen Perspektiven kennenzulernen. Ich verbinde inhaltlich drei Themengebiete, die einzeln recherchiert werden müssen: Das Imaginäre, Gemeinschaft und Gemeingut. Gelegenheit für die Recherche zu Gemeinschaft und Gemeingut bietet mir unter anderem die Teilnahme am Kolloquium zu „Jetzt Gemeinschaft“, wo entsprechende Inhalte zusammengetragen und diskutiert werden.

Reflexion. Durch die Reflexion verknüpfe ich die Ergebnisse aus Recherche und Entwurf. So sollen Thesen und Denkmodelle entstehen, die wiederum in den anderen beiden Ebenen aufgenommen und überprüft werden können.
Die Reflexion findet einerseits sprachlich (Fliesstext) statt, andererseits nutze ich dazu Objekte und Bilder. Ein wertvolles Werkzeug scheint mir in diesem Zusammenhang die Metapher.

Verarbeitung zum Endprodukt und Publikation. Die Ergebnisse fliessen schliesslich zu einem Essay zusammen. Das Zusammenstellen und Verarbeiten der Ergebnisse soll in einem kleinen Team geschehen. Für die Veröffentlichung werden entsprechende Partner gesucht.

Partner

Intern. Als interner Coach steht mir Anka Semmig zur Seite. Bei der Projektarbeit will ich gezielt Mitstudierende miteinbeziehen. Eine Verbindung sehe ich auch zu den Diplomprojekten von Valentin Felber, Peter Blickenstorfer und David Baur. Wie bereits angemerkt nehme ich am Kolloquium zu „Jetzt Gemeinschaft“ teil.

Extern. Im Moment sind vorwiegend Partner interessant, die mit ihrem spezifischen Fachwissen beitragen können. Ich suche Experten im Bereich Entwurfsforschung, die mich methodisch unterstützen können. Sinnvoll könnte es sein, einen externen Coach aus diesem Feld zu wählen.
Im Modul manage! habe ich den Workshop mit Silke Helfrich zum Thema Commons besucht. Fragen zu Gemeinschaft und Gemeingut werde ich allenfalls an sie richten. Weiteres Potential für Partnerschaften sehe ich in Bezug auf das Endprodukt. Sobald dieses klarer umrissen ist, werde ich auch da aktiv Kontakt herstellen.

Verweise

Literatur

Projekte

PDF: Open-House-Broschüre