Einführung in das Jahresthema

 

Wir leben in einer Zeit einschneidender Transformationen. Von der Industriegesellschaft zur
Postindustriellen, zur Dienstleistungs- oder zur Informationsgesellschaft – auf jeden Fall zu
einer nächsten Gesellschaft.

In der Ökologie geht es um die Verabschiedung des Petrolzeitalters, egal ob der Peak
Oil schon erreicht wurde, oder ob es noch ein paar Jahre dauert. Es geht um die Einsicht,
dass wir, die Menschheit zu einem geologischen Faktor geworden sind. Wir nehmen
Einfluss auf die langfristige Gestalt der Erde (Stichwort „Anthropozän“) und wir sollten uns
wohl besser dieser Tatsache stellen. In Verbindung zur Ökonomie ist die Forderung nach
einer „Postwachstumsgesellschaft“ die logische Konsequenz.

In der Ökonomie zeigt die Finanzkrise die Grenzen des virtualisierten Geldsystems.
Zumindest die letzten 500 Jahre standen unter dem Paradigma der Geldwirtschaft
und der Kommodifizierung der Welt. Alles lässt sich kaufen und alles reduziert sich auf
diesen virtuellen Wert. In „Schulden, die ersten 5000 Jahre“ hat David Graeber wohl in
ein Wespennest gestochen, indem er das Kreditwesen als Grund der Einführung des
Geldes herausarbeitet. Dies lässt sich als eine Konsequenz des Nachdenkens über
die Mehrdeutigkeit des Begriffs Schuld in seiner ökonomischen und seiner moralischen
Dimension und über die Reziprozität „der Gabe“ verstehen. Geben und Nehmen sind soziale
Handlungen, die verbinden und verpflichten. Mit Geld und Krediten als Machtinstrumente
lässt sich dies in eine bestimmte Richtung kanalisieren – aber gibt es nicht auch andere
Möglichkeiten?

So oder so – das heutige Finanzsystem wird langfristig nicht weiterexistieren können. Wie
könnten Gesellschaften anders wirtschaften?

Dies alles spiegelt sich in der sozialen Frage. Wie werden wir morgen zusammen leben
und zusammen „wirtschaften“? R. Esposito arbeitet in seinen Büchern „Communitas“
und „Immunitas“ die Begriffe des Individuums und der Gemeinschaft neu heraus. Er
versucht, auf der Basis eines etymologischen Ansatzes den Kern der Begrifflichkeit,
befreit von Pathos, Romantik und Demagogie herauszuarbeiten. Was bleibt ist ein
System gegenseitiger Verpflichtungen, in der sich das Individuum selbst zur Gabe oder
zur Disposition stellt. Und da überschneiden sich die Denkfiguren von R. Esposito und
D. Graeber, in der Gabe – beide zitieren nicht zufällig M. Mauss. Wie kann eine nächste
Gesellschaft aussehen, in der die Moderne mit ihrer starken Stellung des Individuums nicht
verloren geht, sich aber vernetzter konfiguiert? Welche Rolle spielen dabei Gemeinschaften
als gesellschaftliche Grundelemente? Sie bewirtschaften Gemeingüter, sie können
ohne Geld, aber natürlich nicht ohne Austausch funktionieren. Sie können das lokale
Gemeinwesen wesentlich gestalten, aber welche Rolle können sie global und transnational
spielen? Ist eine Postwachstumsgesellschaft nur mit Gemeingüter bewirtschaftenden
Gemeinschaften zu erreichen?

Hyperwerk ist ein Labor neuer kooperativer Arbeits- und Lebensformen. Mit „Jetzt
Gemeinschaft“ verbindet sich diese explorative Arbeit explizit mit der Frage nach der
nächsten Gesellschaft und der Bedeutung der eigenen Gestaltungsarbeit. Wie können
Gemeinschaften funktionieren? Wie gehen sie mit Austausch, Verpflichtungen und der
Produktion von Commons um? Die Beantwortung dieser Frage ist im Kern Arbeit an der
nächsten Gesellschaft.