12.10.2012
Tomaten anpflanzen im Auge des Sturms

“It’s like a psychotherapy”, antwortet Dimitros, als wir ihn danach fragen, was es auf emotionaler Ebene bedeute, Teil von PER.KA. zu sein. Eine Antwort, an der die Ausmasse, die das Urban Farming- Projekt angenommen hat, deutlich abzulesen sind. Zusammen mit rund 130 weiteren Hobbygärtnern bewirtschaftet Dimitros eine ehemalige Militäranlage, mitten in Thessaloniki. Trotzdem könnte die kleine Gemeinschaft vom gewöhnlichen Stadtleben nicht weiter entfernt sein.

Im ersten Moment fühlt man sich beim Anblick der Anlage an einen vernachlässigten Stadtpark erinnert. Der Gitterzaun, der die rund 2 km² grosse Fläche einfasst, ist verrostet, die wenigen geteerten Wege sind aufgesprungen wie trockene Haut, durch die Risse drängen Grashalme und Sträucher. Von den meisten der hellen Steinbaracken — den einzigen Zeugen der militärischen Vergangenheit — blieb nicht mehr zurück als ein brüchiges Skelett, umschlungen von Kletterpflanzen, den Armen der voranschreitenden Zeit.

Acht Jahre lag das Land brach, bevor sich im Januar 2011 eine Handvoll Menschen ihm annahmen. Dass vieles auch nach ihrem Einzug etwas heruntergekommen wirkt, hat mehrere Gründe: Zum einen ist es erklärter Teil des Konzepts, der Natur möglichst viele Freiheiten zuzugestehen. Zum anderen sind sie, was die finanziellen Mittel angeht, komplett auf sich selbst gestellt. Sogar Wasserleitungen mussten eigenhändig gelegt werden. Als man damals bei der lokalen Regierung den Antrag stellte, das Land umnutzen zu dürfen, stiess man zwar nicht auf taube, genauso wenig aber auf offene Ohren. Vielmehr liess man sich für die Entscheidung Zeit. Viel Zeit. So viel, dass die damals noch kleine Gruppe beschloss, der Regierung die Entscheidung abzunehmen und einfach einzuziehen. Zu gross war plötzlich die Angst davor, eine weitere Grünfläche an die betonierungswütige Industrie zu verlieren. Damit war PER.KA. geboren und ein Statement gesetzt.

Seit der Gründung ist das Projekt stetig gewachsen, mit ihm die ideelen Hintergründe und Motivationen. Heute steht PER.KA. neben Urban Farming vorallem für einen Ort des sozialen und kulturellen Austauschs. Hier treffen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in einer ungezwungenen Umgebung aufeinander. Nostalgiker, die in der Erde nach ihrer Kindheit graben, Polit-Aktivisten, die versuchen, sich aus dem Würgegriff des kapitalistischen Systems zu befreien und Alternativen aufzuzeigen, Selbstversorger, die hier damit beginnen, Naturfreunde, die ihrer Freude am Gärtnern frönen, Kinder, die spielen. Und natürlich dutzende von Mischformen. Das Gemüsebeet wird dabei zum Brückenbauer und Vermittler, Tomate und Gurke zum kleinsten gemeinsamen Nenner.

Die gesamte nutzbare Fläche ist aufgeteilt in einzelne Sektoren. Jeweils 30 Personen teilen sich einen Sektor. Diese Untergruppen nennen sich wiederum PER.KA. Zweimal im Monat gibt es eine Gesamtversammlung aller PER.KA.s, um sich auszutauschen und Probleme zu diskutieren. “Are there tensions between the members?” fragen wir. “Yes, of course there are tensions. As everywhere, where people come together.” Die Antwort erschlägt mich in ihrer Direktheit. Ganz selbstverständlich verweist sie — ohne altklug zu wirken — auf die grunsätzliche Akzeptanz gegenüber dem Auftreten zwischenmenschlicher Differenzen. Und gesteht ihnen damit den Platz zu, den sie benötigen, um angegangen werden zu können. Für mich zeugt die Aussage von grosser Sozialkompetenz. Generell bin ich ergriffen von der Atmosphäre, die von diesem kleinen Flecken Erde und seinen “Bewohnern” ausgeht. Von der Bescheidenheit, die hier nicht auf grosse Tafeln geschrieben, sondern gelebt wird, von der Nähe und der Herzlichkeit, mit der man empfangen und aufgenommen wird, von der Ruhe, die als Gegenpol zur umliegenden Grossstadthektik noch vollkommener wirkt und von der Ausgeglichenheit, die das Zusammenleben hier zu beherrschen scheint. Dabei fällt mir Dimitros’ Antwort auf unsere Frage nach dem emotionalen Bezug wieder ein und je länger unser Besuch bei PER.KA. dauert, desto deutlicher treten ihre Konturen in Erscheinung. Insbesondere, was die sozialen Aspekte betrifft. Wie tiefgreifend aber ist der Einfluss der landwirtschaftlichen Tätigkeit an sich auf das Leben derer, die sie verrichten? Inwiefern wird beispielsweise die Sorgfalt, mit der man die Natur behandelt, als Vorbild genommen für andere Lebensbereiche?

Wie gehen diese Menschen mit einfachen Verbrauchsgegenständen um? Gehören sie im Supermarkt zu denen, die keine zwei Flaschen Wasser tragen können, ohne dafür einen Plastiksack zu benötigen oder gehören sie zu denen, die das eben nicht tun, weil sie wissen, in welchem Missverhältnis es steht? Gehören sie zu denen, die sagen; “ja man sollte es wirklich nicht tun”, oder zu denen, die es eben einfach nicht tun? Oder mischt sich die Gartenarbeit überhaupt nicht in ihr sonstiges Dasein? Ich glaube, es tut es sehr wohl. Denn je länger man zwischen den Beeten umherschlendert, desto mehr wird einem bewusst, wie zahlreich die Eigenschaften sind, die hier — gleich dem Gemüse — hochzegogen und kultiviert werden.

Als Beispiel liesse sich die Geduld nennen. Sie ist von der Gartenarbeit nicht wegzudenken. Vom Setzen der Samen bis zum Pflücken der Frucht vergehen Monate. Der gesamte Ablauf erfordert grossen Zeitaufwand, beinhaltet tägliches Giessen der Pflanzen, jäten, etc. Eine Garantie für ein gelungenes Resultat gibt es nicht. In einer Gesellschaft, in der auch der kürzeste Weg zum Ziel noch zu lange ist, wird bereits die Erwähnung einer solchen Zeitspanne als Persiflage verstanden. Hier dagegen scheint man sie mit offenen Armen zu empfangen. Damit stellen sie sich einer Tatsache, die im Strudel des Konsumdenkens vollständig übergangen wird. Nämlich, dass die Natur ihre eigenen Regeln befolgt und sich nur begrenzt daran interessiert zeigt, eigene Konzepte gegen die Unseren einzutauschen. Sie nimmt sich die Zeit, die sie braucht, auch wenn es unseren Plänen zuwider läuft. Bei PER.KA. respektiert man das. Und ist man erst bei Respekt angelangt, ist der Weg zur Geduld vielleicht schon um einiges kürzer. Und kürzere Wege wären ja — wie oben erwähnt — in unserem Interesse. Nochmals denke ich zurück an Dimitros’ Antwort. Und wieder werden ihre Konturen schärfer.

Weitere Infos zu PER.KA. : http://perka.oneirografos.net/